Ecken und Kanten

 

Mein Vater ist gestorben. Wir hatten nie ein einfaches Verhältnis. Ich habe ihn immer bewundert, manchmal gehasst, oft hatte ich Angst vor ihm. Über Jahre hatten wir keinen Kontakt, zum Schluss immer noch viel zu wenig. Zum Glück hatten wir noch einige gute Gespräche, haben Frieden mit einander geschlossen. Ich hoffe, er hat gemerkt, welche Liebe ich für ihn empfinde. 

Jörg Beiderbeck, mein Vater
Jörg Beiderbeck, mein Vater

Mein Vater ist hier in der Nähe in Wolfenbüttel aufgewachsen. Er hatte keine nette Kindheit. Nachkriegszeit. Er litt unter einer tyrannischen Mutter, Schläge waren damals noch ein absolut normales Erziehungsmittel, Liebe wohl Mangelware. Er ist auf seine Weise ausgebrochen, war ein ‚Halbstarker‘, flog vom Gymnasium. Wegen seines Talents könnte er dennoch eine Ausbildung zum Technischen Zeichner machen. In Wolfenbüttel lernte er auch meine Mutter kennen, verliebte sich in sie. 

Seine Chance war die Bundeswehr, er verpflichtete sich wurde Soldat, konnte seine Familie ernähren und Abitur machen. Ich bin Kriegsdienstverweigerer, kann mir aber gut vorstellen, dass der Bund nicht unbedingt eine warme und liebevolle Umgebung ist. 

Dann ging unsere Familie nach Kiel. Er studierte Schiffbau, fand seine große Liebe, dass Meer. Ein Studium war damals anders, als heute. Er entdeckte die Freiheit, war politisch aktiv, natürlich links. Er kam in eine Clique mit Menschen, die Freiheit so liebten, wie er, die voller Lebensfreude waren. Er hat viel gefeiert, der Strand war nah und Treue nicht so das Thema. 

Für uns, seine Kinder und seine Frau blieb nicht viel Zeit. Meine Mutter war depressiv, damals konnte er damit nicht umgehen. Das Wissen über die Krankheit war damal in der Bevölkerung gering, auch bei ihm. Dazu ich, sein introvertierter ängstlicher Sohn. Ich denke heute, er war oft hilflos. Mir hat seine laute poltrige Art noch mehr Angst gemacht, ebenso sein Jähzorn, wenn etwas nicht gut lief.

Die guten Momente waren selten. Ich erinnere mich gene an die Momente, in denen er sich Zeit genommen hat mir etwas zu erklären. Er war klug und war genial in der Analyse von Sachen, sowohl technischen, als auch politischen. Die Segeltörns auf der Ostsee mit ihm werde ich nie vergessen. Das war schön. 

Es kam zur Scheidung meiner Eltern, meine Mutter ging mit uns zurück nach Wolfenbüttel, er baute eine Werft in Tunesien auf. Es war ihm wichtig etwas zu schaffen, etwas zu erreichen. Das auch darunter seine Familie zerbrochen ist hat er bis zum Ende bedauert. Erreicht hat er einiges, erst als Angestellter, später mit seiner eigenen Firma. Er hat Luxusyachten entworfen, und dabei Standards gesetzt. 

Nach der Scheidung hatten wir kaum noch Kontakt, was, wie ich erst später erfahren habe, auch an meiner Mutter lag. Ich habe mich als junger Erwachsener sehr von ihm distanziert, wollte nicht mit ihm zu tun haben, nie so werden wie er. Zum Glück entwickelt man sich. Ich habe gelernt, dass es nicht den ‚Bösen‘ gibt. Vor allem habe ich erkannt, dass ich ihm in einigen Dingen sehr ähnlich bin. Gerade Freiheit ist auch mein Thema, was mich auch eine Ehe und eine Beziehung gekostet hat. Wir haben uns gertroffen, sehr lange gesprochen und ich konnte vieles verstehen, auch wenn ich mich anders entschieden habe, Die Welt anders sehe. Ich habe seine neue Familie kennen und schätzen gelernt, wir hatten lockeren Kontakt. Viel zu wenig, den letztlich war ich in meine Familie und meinen Job mit Schichtdienst eingebunden. 

Erst in den letzten Monaten, als es ihm gesundheitlich schlechter ging, hatten wir mehr Kontakt. Unsere Gespräche waren emotionaler, tiefer. Ich hätte gerne mehr Zeit mit ihm verbracht, mit ihm gefeiert. Nun ist er tot. Ich habe jemanden verloren, der mein Leben stark beeinflusst hat, ohne ihn wäre ich heute nicht der, der ich bin, auch wenn es nicht immer einfach war. Ich habe jemanden verloren für den ich große Liebe empfunden habe. 

Sein Tod hat mich emotional sehr durcheinander gebracht. Ich habe ein Stück Halt verloren, ein Teil meines Lebens ist weggebrochen. Ich hätte gerne noch einmal richtig mit ihm gefeiert. Und trotz seiner Krankheit kann ich immer noch nicht verstehen, dass der große starke Jörg tatsächlich gestorben ist. Ich bin sehr traurig.  

 

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